An der Kasse lernt man für’s Leben

Bevor liv.biz-Autorin Julia-Marie Schüßler Journalistin wurde, war sie Kassiererin in einer dm-Filiale. Was sie hier für ihr späteres Berufsleben gelernt hat, erfahren Sie bei liv.biz.

23.04.2022 Julia-Marie Schüßler 0 Kommentare 12 Likes
Eine digitale Anzeige mit der Aufschrift Kasse 1 geschlossen.

Eine digitale Anzeige mit der Aufschrift „Kasse 1 geschlossen“. Foto: Antranias – pixabay.com

„Guten Morgen, haben Sie gut geschlafen oder mussten Sie den Schlaf abbrechen?“, fragte mich eines Tages ein Kunde an einem Samstagmorgen an der Kasse. Ich war wirklich noch sehr müde, das sah man mir vermutlich an. Aber als dieser Kunde mich dies mit einem breiten Lächeln im Gesicht fragte, war mein Tag gerettet. Wir haben beide gelacht, denn meine Antwort war natürlich: „Ich musste ihn leider abbrechen.“ Dieses morgendliche Gespräch ist jetzt etwa 10 Jahre her und ich habe es nie vergessen.

Während meiner Schulzeit und meines Studiums habe ich viele Nebenjobs gemacht, um mir etwas dazuzuverdienen. So habe ich ganz klassisch Zeitungen ausgetragen, in einer Tubenfabrik ausgeholfen, ich habe in einer Bäckerei Brötchen verkauft, ich war freie Journalistin und ich habe sogar fachbezogen als wissenschaftliche Hilfskraft in einem Uni-Projekt mitgearbeitet. Aber mein liebster Job war rückblickend der der Drogerie-Kassiererin.

Mitten im Geschehen sein

Ich war nicht die Einzige, die während ihres Studiums eine Arbeit ausgeführt hat, die gar nichts mit ihrem späteren Hauptberuf zu tun hatte. Ich habe einige ehemalige Kellnerinnen und Nachhilfelehrerinnen in meinem Freundeskreis, die heute in der Wissenschaft oder Medizin tätig sind. Alle berichten das Gleiche über die Wahl ihres Nebenjobs: Wir waren manchmal froh, wenn wir uns nicht mit unseren Studieninhalten beschäftigen mussten.

Die Zeit in der Drogerie war für meinen Kopf pure Erholung. Es war natürlich stressig, körperlich anstrengend und nervenzehrend – es gab schwierige Kunden, gewöhnungsbedürftige Kollegen und eben diese dauernde Müdigkeit. „Kasse 1“ war mein Stichwort, das bedeutet: Diese Kasse muss immer besetzt sein, „Kasse 2“ hingegen war optional, je nach Kundenansturm. Regale mussten eingeräumt werden, ja, manchmal musste sogar Erbrochenes weggewischt werden. Aber dieser Kontakt mit Menschen und einfach mitten im Geschehen zu sein, fand ich immer toll.

Mehr Wertschätzung bitte!

Im Laufe meines Bachelorstudiums saß ich eigentlich jede Minute, die ich nicht mit lernen oder meinen Freunden verbrachte, an der Kasse. Während innerhalb einer Lernphase zu Hause völlige Isolation auf mich wartete, war in der Drogerie Leben. Ich habe es genossen. Mein Kopf wurde dadurch frei. Gleichzeitig hatte ich vollsten Respekt den Menschen gegenüber, die das wirklich jeden Tag machen. Ich war ein paar Mal die Woche da, andere jeden Tag, acht Stunden. Freie Samstage kannte dort kaum jemand. Dennoch liebten alle diesen Kontakt mit Menschen.

In einem späteren Bewerbungsgespräch wurde ich tatsächlich einmal auf meine Tätigkeit als Kassiererin angesprochen. Einmal. Ich bin eigentlich der Meinung, dass genau dieser Job häufiger geschätzt werden sollte, egal wie und wie lange man ihn ausgeübt hat. Wir haben im Laufe der Corona-Pandemie gesehen, wie wichtig genau diese Arbeitskräfte sind. Ich wurde gefragt, was das Wichtigste ist, was ich aus dieser Zeit mitnehme. Meine Antwort: Den Spaß an der Arbeit mit Menschen, den Umgang mit verschiedensten Charakteren und Problemen. Und was soll ich sagen: Dieser Job hat mich perfekt auf meinen Beruf als Journalistin vorbereitet. So gesehen muss ich meine anfangs getätigte Aussage revidieren: Denn die Arbeit einer Kassiererin hat sehr wohl etwas mit meinem heutigen Hauptberuf zu tun. Hier habe ich die Arbeit mit Menschen lieben gelernt. Danke dm!

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