China noch nicht abschreiben

Chinas Null-Covid-Strategie macht es der globalen Wirtschaft schwer. Trotzdem bleibt China Deutschlands wichtigster Handelspartner. Maximilian Butek, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Shanghai, hat mit liv.biz über die aktuelle Lage in China und die Zukunft des Handels gesprochen.

27.05.2022 Julia-Marie Schüßler 0 Kommentare 3 Likes
Maximilian Butek – Chief Representative at Delegation of German Industry and Commerce in Shanghai.

Maximilian Butek, Chief Representative at Delegation of German Industry and Commerce in Shanghai. Foto: 2022 AHK Greater China

Wie lange wird es dauern, bis sich die Wirtschaft in China erholt hat? Wird es Langzeitschäden geben? 

Grundsätzlich hat die neue Dimension der Umsetzung der Null-Covid-Strategie massive wirtschaftliche Auswirkungen auf alle Unternehmen in China – also sowohl auf die heimische Wirtschaft als auch auf deutsche Unternehmen hier vor Ort. Dies wird sich zwangsläufig auf Umsätze und Profitabilität auswirken.

Aber auch die Konsequenzen für die Lieferketten sind enorm: In unseren Umfragen nennen Unternehmen als größte Herausforderung fehlende Logistik und Materialien beziehungsweise Vorprodukte (je 69 Prozent), gefolgt von ausbleibenden Transportgenehmigungen und ein Mangel an Mitarbeitern (je 56 Prozent). Es geht um die Anfälligkeit von Wertschöpfungsketten: Die bereits seit mehr als zwei Jahren eingeschränkte Planbarkeit von Lieferketten sowohl innerhalb Chinas als auch global ist mittlerweile vollends gestört.

Es sind auch aktuell keine Änderungen der Maßnahmen der Pandemieeindämmung in China ersichtlich. Für alle Unternehmen, die jetzt fast zwei Monate nicht produzieren konnten, wird es also schwierig, ihre Profitabilität bis Ende des Jahres zu halten. 

Wie kann China wieder ein attraktives Land für ausländische Arbeitskräfte werden? 

Die Frage ist: Wie kann China dies bleiben und Vertrauen zurückgewinnen? Vieles wird aus unserer Sicht vom weiteren Verlauf abhängen und wie China mit der anhaltenden Pandemie umgeht. Wir beobachten die Folgen der aktuellen Situation für die deutschen Unternehmen und ihre Mitarbeiter sehr genau – schon seit Beginn der Pandemie. Wir erleben noch keine akute Abwanderung; alles in allem, wird sich die Anzahl der Ausländer aber signifikant verringern.

Aus unserer aktuellen Blitzumfrage von Anfang Mai wissen wir, dass rund ein Drittel der deutschen Expats das Land wegen der strengen Corona-Maßnahmen plant zu verlassen – Familienangehörige nicht inbegriffen. Hinzukommen weitere Berufsgruppen und Deutsche, die in dieser Statistik nicht erfasst wurden. Dahinter stecken sicher auch emotionale Reaktionen: Die Menschen sind verärgert und frustriert – und in der Anspannung auch am Rande ihrer mentalen Belastbarkeit.

Weitere Lockdowns würden also die Stimmung in der deutschen Community noch mal negativ beeinflussen. Sollten wir bis Ende Juni keine Rückkehr zur Normalität beobachten, werden viele ihre Zukunftsplanung in China überdenken. China bietet aber nach wie vor hohe Karrierechancen, gute Gehälter und Lebensbedingungen.  

Was geschieht, wenn sich die Situation wiederholt oder gar ein neues Virus ausbricht? Werden ähnliche Reaktionen folgen oder werden Lehren aus den aktuellen gesamtwirtschaftlichen Folgen gezogen? 

Wir sehen keinerlei Anzeichen für eine Änderung in der Strategie. Am 5. Mai hat der chinesische Staatspräsident Xi auch nochmals bestätigt, dass es keine Abweichung von der aktuellen Null-Covid-Strategie geben wird. Vielmehr noch: Von der bisher ungeschriebenen aber gelebten Regel der Ausbalancierung von Wirtschaft und Einschränkungen ist keine Rede mehr. Die Absage der Asia Games für das kommende Jahr kann als weiteres Indiz dafür interpretiert werden, dass eine Abkehr von der strikten Strategie momentan nicht in Betracht gezogen wird.

Insofern werden auch die Maßnahmen nicht wesentlich von dem abweichen, was wir aktuell beobachten. Wir verstehen, dass der Schutz der Bevölkerung Priorität genießt, aber die wirtschaftlichen Kosten sind immens. Insgesamt darf China nicht kurzfristig betrachtet werden. Schaut man sich die Wachstumsprognosen der Regierung für das Jahr 2022 von 5,5 Prozent an oder auch Prognosen von Analysten, die von 4,5 bis 5 Prozent ausgehen, ist das für China erst einmal eine schwächere Leistung als vorgesehen. Im weltweiten Vergleich ist dies aber immer noch hoch. Mittelfristig ist und bleibt China der wichtigste Markt für Deutschland und einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren der Welt. 

Wie können sich Unternehmen auf zukünftige Krisen einstellen? 

Unsicherheiten – nicht nur resultierend aus der aktuellen Covid-Situation in China, sondern auch aus der geopolitischen Gemengelage heraus – haben zugenommen. In unserer Frühjahres-Umfrage von April gaben 32 Prozent der befragten deutschen Unternehmen in China an, dass sie geplante Investitionen auf Eis legen, 46 Prozent reflektierten, dass die Attraktivität des chinesischen Marktes in dieser Situation gelitten hat. Die Unternehmen sind im Wesentlichen mit Risikomanagement beschäftigt. Einige befassen sich auch mit  Diversifizierungsstrategien und der Frage, wie Firmen eine gewisse Resilienz in den Lieferketten herstellen können.

Da stellt sich mitunter auch die Frage nach dem Standort. Aber Diversifizierung bedeutet heute beides: aus China raus und in China bleiben. Solche Überlegungen gab es schon 2018, als der Handelskrieg zwischen China und den USA auf dem Höhepunkt war, die Kosten für eine Diversifizierung aber noch relativ hoch. Jetzt scheint der bessere Moment, Optionen in der Asien-Pazifik-Region oder ASEAN zu prüfen. Wir werden höchstwahrscheinlich parallele Strategien sehen, wie China plus eins oder China plus zwei. Deutsche Unternehmen werden sich weiterhin in China engagieren, aber eben auch weitere Standbeine finden. 

Wie sieht die Zukunft des chinesischen Handels aus? 

China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner –  seit vielen Jahren in Folge – und ein wichtiger Markt für viele deutsche Unternehmen. Deutsche Firmen in China sind fest im Markt verankert, und das erwartete Wachstumspotenzial in den jeweiligen Branchen ist nach wie vor vorhanden. Ein Rückzug aus dem Markt von Unternehmen, die auch schon vor der aktuellen Situation profitabel waren, ist nicht zu erwarten. Aber die Diversifizierung in der Region wird zunehmen und damit bedeuten, dass zusätzliche Investitionen weniger nach China fließen und mehr in andere Standorte. 

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