Deutsche kaufen Nachhaltigkeit

Auch wenn die Preise für Lebensmittel und Nonfood-Produkte zunehmend steigen, sind Nachhaltigkeitsaspekte für deutsche Konsumenten weiterhin ein wichtiger Faktor beim Fällen einer Kaufentscheidung. Das ist das Ergebnis des ersten Nachhaltigkeitsindex der GfK.

13.05.2022 Julia-Marie Schüßler 0 Kommentare 5 Likes

liv.biz hat bereits berichtet: Deutsche wollen nicht mehr einkaufen. Laut GfK sinkt das Konsumklima stetig, die Verbraucherstimmung ist schlecht, die Anschaffungsneigung ist rückläufig. Das ist auch kein Wunder, denn die Auswirkungen des Ukraine-Krieges sorgen für Unsicherheiten bei den Konsumenten – Unsicherheit in Bezug auf die Einkommenserwartung, die Entwicklung der Inflation und der Konjunktur. Und auch die nahe Kauf-Zukunft verspricht nichts Gutes.

Nachhaltigkeit bleibt wichtiges Kaufargument

Einen kleinen Lichtblick gibt es dann aber doch: Wie von Experten wie Dieter Niewierra von ClimatePartner bereits befürchtet, rückt die Nachhaltigkeit für Deutsche noch nicht in den Hintergrund. Sustainability bleibt für Verbraucher weiterhin wichtig – das ist das Ergebnis des ersten Nachhaltigkeitsindex der GfK. „Nachhaltigkeit ist tief in den persönlichen Werten der Deutschen verankert,“ informiert Petra Süptitz, Expertin für Nachhaltigkeit und Consumer Insights bei GfK. „In einer Liste von 57 persönlichen Werten, die jährlich im Rahmen der GfK Consumer Life Studie gemessen werden, liegt Nachhaltigkeit auf Rang 10, noch vor Werten wie Gesundheit und Fitness.“

Konsumenten machen sich Sorgen um die Umwelt: die Verschmutzung der Umwelt ist beispielsweise für 74 Prozent der Deutschen ein ernstzunehmendes Problem, 69 Prozent haben Angst vor dem Klimawandel und 68 Prozent verlangen von Unternehmen, nachhaltig zu handeln. Und das bleibt auch trotz gestiegener Preise und zunehmender Unsicherheiten aufgrund des Ukraine-Krieges so, sagt der GfK Nachhaltigkeitsindex.

Der GfK Nachhaltigkeitsindex

Was macht der GfK Nachhaltigkeitsindex? Er gibt Aufschluss darüber, inwiefern Nachhaltigkeitsaspekte das Kaufverhalten der Deutschen beeinflussen. Dafür untersucht die GfK bereits getätigte und geplante Käufe. Beachtet werden hier Einkäufe von Produkten des täglichen Bedarfs sowie größere Anschaffungen – gemeint sind hier zum Beispiel Möbel oder Elektro-Geräte. Obendrauf wird die Bereitschaft der Konsumenten erhoben, für umweltfreundliche Produkte mehr zu bezahlen. Seit Februar wird erhoben, erscheinen soll der Nachhaltigkeitsindex zukünftig alle drei Monate. Die Datenerhebung besteht aus einer Befragung seitens der GfK, befragt wird monatlich eine repräsentative Gruppe von Konsumenten in Deutschland.

Die Ergebnisse

Einflüsse des Ukraine-Krieges sind durchaus im Nachhaltigkeitsindex ablesbar. Denn zunächst stieg der Index von einem anfänglichen Wert von 39,0 im Februar auf 42,3 im März. Erkennbar ist hier sogar eine zunehmende Bedeutung der Konsumenten. Im April sah das dann allerdings ein bisschen anders aus: Der Wert sank aufgrund des Ukraine-Krieges, der Inflationen und einem insgesamt schlechten Konsumklima auf 39,7 – war damit aber immer noch höher als im Februar.

Für den April zeigte der Nachhaltigkeitsindex: 81 Prozent der Befragten machen sich Sorgen wegen steigender Lebensmittelpreise, 61 Prozent wegen steigender Preise für größere Anschaffungen. Die generell sinkende Anschaffungsbereitschaft wirkt sich somit auch auf umweltfreundliche Produkte aus. So hat im vergangenen Jahr noch ein Drittel der Deutschen bei größeren Anschaffungen auf Nachhaltigkeit geachtet. Auch im März 2022 planten noch 35 Prozent der Konsumenten, in den nächsten 12 Monaten größere Anschaffungen unter Nachhaltigkeitsaspekten zu tätigen. Im April sank der Anteil dann schon auf 25 Prozent. Besonders bei 18- bis 29-Jährigen ist Anschaffungsneigung bei diesen Produkten gesunken.

Für Fast Moving Consumer Goods (FMCG) wie Lebensmitteln oder Hygieneartikeln galt im März: 72 Prozent der Deutschen haben in diesem Monat noch nachhaltig eingekauft. Einen Monat später gaben nur noch 68 Prozent an, bei geplanten Einkäufen auch weiterhin auf Nachhaltigkeitsaspekte zu achten.

Unternehmen sollten weiterhin auf Nachhaltigkeit setzen

Es lässt sich festhalten: Die insgesamt sinkende Anschaffungsneigung trifft auch nachhaltige Produkte. Aber: „Vor allem Verbraucher, denen es finanziell gut geht und die sich nur wenige Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen, achten auf Nachhaltigkeit und werden das trotz der derzeit steigenden Preise weiterhin tun. Das sehr hohe Sparvermögen der Deutschen erlaubt das.“ Und: Der Nachhaltigkeitsindex zeigt, dass Deutsche trotz leichter Rückgänge insgesamt bereit sind, höhere Preise für nachhaltige Produkte zu zahlen. „Nachhaltigkeit wird trotz großer Veränderungen wie des Ukraine-Kriegs weiterhin ein wichtiges Kaufkriterium bleiben. Konsumenten erwarten von Unternehmen, nachhaltig zu handeln. Der GfK Nachhaltigkeitsindex zeigt, dass sie bereit sind, für diesen Mehrwert einen höheren Preis zu bezahlen“, so Süptitz weiter. „Jetzt wegen der Inflation und ohnehin schon hohen Preisen auf ein konventionelles, nicht nachhaltiges Produktportfolio zu setzen, wäre für Unternehmen der falsche Schritt. Hersteller und Händler sollten sich weiterhin umweltfreundlich aufstellen – das ist langfristig der richtige Weg, um am Markt erfolgreich zu bleiben.“

Andere Meinungen

Auch die Unternehmensberatung PwC führte eine repräsentative Befragung durch. Das Ergebnis: „Das wachsende Bewusstsein für den eigenen Konsum zeigt sich insbesondere in der jungen Zielgruppe: Trotz Teuerungen sind für die 18- bis 24-Jährigen Nachhaltigkeitsaspekte weiterhin Teil der Kaufentscheidung. Während aktuell noch 17 Prozent aller Befragten Second-Hand-Produkte im Bereich Bekleidung und Schuhe kaufen, könnte dieses Segment für jüngere Zielgruppen künftig eine größere Rolle spielen“, analysiert Willibald Kofler, Retail & Consumer Partner bei Strategy& Österreich.

Diese Entwicklung wird für Händler in Zukunft wichtig. Denn laut einer Analyse von PwC zur Lebensmittelbranche kann rund jeder vierte Haushalt in Deutschland die gestiegenen Lebenshaltungskosten nicht oder nur kaum stemmen und muss sie bei nicht-essentiellen Produkten wie Kleidung oder Elektronik einsparen. „Händlerinnen und Händler sollten sich daher auf geringere Verkaufszahlen einstellen und pro Segment strategisch planen, wie sie mit alternativen Angeboten hervorstechen können“, sagt Kofler.

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