Just a Nonfood-Dream

Was wäre, wenn es keine Corona-Pandemie, keine Inflation, keine Preissteigerungen geben würde? In "Geschichten aus dem Einzelhandel" träumt liv.biz-Autorin Julia-Marie Schüßler von einer Nonfood-Welt ohne Probleme, Sorgen und Angst.

09.07.2022 Julia-Marie Schüßler 0 Kommentare 3 Likes
Manchmal träumt man von einer besseren Nonfood-Welt.

Manchmal träumt man von einer besseren Nonfood-Welt. Foto: Bruce Mars – unsplash.com

Es ist Samstag. Kein Wecker klingelt. Ich werde von ganz alleine wach. Ich fühle mich super – ich bin ausgeschlafen und freue mich auf den Tag. Heute gehe ich shoppen – in Düsseldorf, mit einer Freundin. Alleine shoppen ist nicht so mein Ding. Ich brauche Kommunikation, Lachen und eine zuverlässige Beratung an meiner Seite. Der Plan: viel Geld ausgeben. Für was? Keine Ahnung. Ich habe einfach Lust mir etwas zu gönnen, tolle neue Outfits, mich fashionmäßig neu erfinden. Zum Glück ist Monatsanfang, das Konto ist voll.

Der „Zweite Bargeld-Frühling“

Die Stadt ist ebenfalls voll. Samstag eben. Aber das macht mir nichts. Es macht niemandem etwas. Es scheint, als würden sich alle darüber freuen, sich durch die engen Gassen zu drängeln. Keiner hat schlechte Laune, jeder lächelt. Berührungsängste hat hier niemand mehr. Vergessen sind die Zeiten mit Mindestabstand, Maske und Desinfektionsmittel an jedem Ladeneingang. Hier finden Kunden stattdessen jetzt überall kleine Willkommensgeschenke. Von Rosen, über Ballons bis hin zu Süßigkeiten und Gutscheinen ist alles dabei. Jeder einzelne Händler freut sich über jeden einzelnen Kunden.

In den Schaufenstern hängen große rote Schilder mit der Aufschrift „Sale“, Preiserhöhungen gab es schon lange nicht mehr. Es gibt eine so große Nachfrage nach Nonfood-Produkten, dass die Produktion zeitweise gar nicht hinterherkam. Es wurden aber in bemerkenswerter Geschwindigkeit neue Arbeitsplätze geschaffen, die Arbeitslosenquote ist auf ein historisches Minimum gesunken. Armut gibt es in Deutschland nur noch selten. Die Menschen wollen endlich wieder einkaufen. So wie ich.

Beim Shoppen landet so viel Kleidung auf meinen Armen, dass sie schmerzen. Die Bügel in meinen Händen schneiden ins Fleisch. Die Schlange vor der Garderobe ist lang. Aber niemand, der hier steht, ist genervt. Alle genießen die Zeit, unterhalten sich und lachen. Ich probiere alles an, jedes Teil wird von meiner Freundin begutachtet. An der Kasse zahle ich bar. Denn Bargeldzahlung ist hier ausdrücklich erwünscht, ein buntes Schild erinnert daran. In den Medien spricht man vom „Zweiten Bargeld-Frühling“.

Wenn Nonfood-Träume wahr werden würden …

Am Ende des Tages trage ich viele Taschen. So viele Taschen, dass mir Arme, Schultern und Nacken schmerzen. Ich bin froh, die Taschen abstellen zu können. Wir lassen den Tag in einem Restaurant ausklingen. Auch hier ist es voll, die Stadt lebt. Viele neue Restaurants haben geöffnet, Eis an der Promenade ist endlich wieder bezahlbar. Zuhause angekommen probiere ich ausgewählte Errungenschaften noch einmal an. Ich bin glücklich. Müde, aber glücklich. Ich lege mich ins Bett, lasse mich vom Free-TV-Programm berieseln. Die Welt ist schön.

Es ist Samstag. Kein Wecker klingelt. Ich werde von ganz alleine wach. Ich fühle mich schrecklich, meine Laune ist im Keller. Der Wecker klingelt nicht, weil es nichts zu tun gibt. Den Tag werde ich zu Hause verbringen, Onlineshopping könnte eine Option sein. Dann erinnere ich mich an meinen Traum. Ich lächle. Ich seufze. Wenn Träume doch wahr werden könnten.

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