Kann Deutschland ein Vorkrisenniveau überhaupt erreichen?

Der Mensch vergleicht von Natur aus – und so gibt es natürlich auch Vergleiche in der Wirtschaft und damit auch im Handel. Doch ist es in der aktuellen Situation sinnvoll mit einer Vorkrisen-Realität aus dem Jahr 2019 zu vergleichen? Kann ein Vorkrisenniveau in naher Zukunft überhaupt erreicht werden? liv.biz-Autorin Julia-Marie Schüßler beschäftigt sich mit diesen Fragen im "Nonfood-Wort zum Sonntag".

Eine Meinung von Julia-Marie Schüßler

17.07.2022 0 Kommentare 2 Likes

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber: Das Konsumklima ist schlecht, die Einkommenserwartungen sinken, ebenso die Anschaffungsneigung. Laut der GfK-Konsumklimastudie für Juni 2022 befindet sich das Konsumklima in einem neuen Allzeittief, seit 1991 wurde kein niedrigerer Wert festgestellt. Und dieser Trend soll auch im Juli weitergehen: Die GfK prognostiziert für das Konsumklima für Juli -27,4 Punkte und damit 1,2 Punkte weniger als im Juni. Die Einkommeserwartung erreichte im Juni übrigens ein 20-Jahres-Tief, für die Anschaffungsneigung wurde ein niedrigerer Wert zuletzt während der Finanz- und Wirtschaftskrise im Oktober 2008 gemessen.

Der Nachkrisen-Konsument

Viele Studien und Medienberichte behandeln die aktuelle Situation. Oftmals wird mit den „guten alten Zeiten“ vor Corona-Pandemie und Ukraine-Krise verglichen, Bezugsjahr ist oftmals 2019. Der Begriff „Vorkrisenniveau“ wird verstärkt verwendet, ein Ziel, das es jetzt wieder zu erreichen gilt. Aber ist das überhaupt möglich? liv.biz stellt sich im Nonfood-Wort zum Sonntag die folgenden Fragen:

Corona-Pandemie und Ukraine-Krise haben zu einem geänderten Konsumverhalten geführt.

Corona-Pandemie und Ukraine-Krise haben zu einem geänderten Konsumverhalten geführt. Foto: liv.biz

Um eine Situation bewerten zu können brauchen wir Bezugswerte, das ist klar. Aber seit etwa zwei Jahren versuchen wir die Wirtschaftssituation in Deutschland mit Werten zu vergleichen, die sich auf eine andere Realität beziehen. Die Corona-Pandemie hat Händler und Konsumenten lange Zeit in Atem gehalten – sie tut es heute noch, die Zukunft ist ungewiss. Lockdowns haben Existenzen zerstört, Unsicherheiten beim Konsumenten halten sich hartnäckig. Seit Februar diesen Jahres werden sie durch die Ukraine-Krise und die damit einhergehenden Auswirkungen verstärkt. Hatte man wieder Hoffnungen auf Besserung, wurden sie in den folgenden Monaten zerstört.

Es ist nun also kein Wunder, dass Konsumenten die Lust am Einkaufen verlieren, wenn sie Angst haben müssen, ihr alltägliches Leben bald nicht mehr finanzieren zu können. Und es ist nicht nur die Angst: Wessen Hoffnungen wiederholt zerstört wurden, traut sich eventuell nicht mehr positive Gedanken zu hegen. Man bleibt auf einem niedrigen, pessimistischen Level, um nicht wieder enttäuscht zu werden. Ein Schutzmechanismus der Psyche. Bei Konsumenten spiegelt sich das in der Kaufzurückhaltung wider. Es gibt somit einen neuen Konsumenten-Typ: den Nachkrisen-Konsumenten.

Die neue Realität

Studien, Medienberichte und Co., die weiterhin das Vorkrisenniveau als Bezugspunkt verwenden, werden ebenfalls enttäuscht werden und enttäuschen hinzukommend die Leser. Eine dauerhaft negative Stimmung, die durch Deutschland geistert. Der Bezugspunkt „Vormonat“ – wie zum Beispiel in der GfK-Konsumklimastudie – ist da schon eine bessere Option.

Sicherlich ist die Situation aktuell mies. Aber sie wird bestimmt besser, nicht schlagartig, aber Stück für Stück. Daran sollten wir glauben und darüber berichten. Die Realität ist heute eine neue, das Vorkrisenniveau werden wir in den nächsten zwei, fünf oder auch zehn Jahren vielleicht nicht erreichen. Die Welt hat sich geändert, die deutsche Wirtschaft hat sich geändert und auch der Konsument hat sich geändert. Lassen Sie uns im Hier und Jetzt bleiben, so gut es geht. Dann werden auch kleine Erfolge sichtbar.

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