Mein Tamagotchi und ich

Die dpa hat berichtet, liv.biz hat’s getestet: Das Tamagotchi wird in diesem Jahr 25 Jahre alt – und wir wollten einmal wissen, ob es noch genau so faszinierend wie damals ist. Gesagt, bestellt, ausprobiert!

20.05.2022 Julia-Marie Schüßler 0 Kommentare 3 Likes
Das Original-Tamagotchi aus den 90ern hat es in das Jahr 2022 geschafft.

Das Original-Tamagotchi aus den 90ern hat es in das Jahr 2022 geschafft. Foto: liv.biz

„Oh, ich hab‘ mein Tamagotchi vergessen“ – ein Satz, den ich in der vergangenen Woche an die 50 Mal von mir gegeben habe. Und dann kam die Angst, die Sorge, dass es das Tamagotchi wieder nicht geschafft hat. Insgesamt zwei Mal hat es sich in dieser Woche auf den Weg zu seinem Heimatplaneten begegeben – eine nette Hersteller-Umschreibung dafür, dass ich es vernachlässigt habe und es somit digital dahingeschieden ist.

So funktioniert das Tamagotchi

Und dabei begann alles so schön, so nostalgisch. Per Amazon fand das Tamagotchi seinen Weg zu mir – gut, das ist jetzt weniger nostalgisch. Aber weiter: Das letzte Mal als ich ein Tamagotchi in der Hand hielt, war ich etwa acht oder neun Jahre alt. Das Aussehen schien mir auch an diesem Mittwoch immer noch vertraut, die Funktionen allerdings gar nicht. Die Anleitung ist sehr spack bestückt, Google musste immer wieder weiterhelfen.

Das Leben des digitalen und in meinem Fall offenbar außerirdischen Wesens begann mit einem schrillen piependen Ton, nachdem man einen Knopf mit einem spitzen Gegenstand auf der Rückseite des Plastikeis gedrückt hatte. Es erschien ein hüpfendes virtuelles Ei auf dem kleinen Bildschirm – die Grafik erinnert an das Handyspiel „Snake“ oder bestenfalls Pacman. Man sollte nicht vergessen, die Uhrzeit einzustellen, ansonsten wartet man vergebens auf das Schlüpfen des Wesens. Das Brechen der Eierschale wird mit einer ebenfalls schrillen Melodie begleitet. Und dann sieht man ein Monster ähnliches Wesen auf dem Bildschirm – oder viel mehr ein sich hin und her bewegender schwarzer Klecks. Mit zunehmendem Alter mausert er sich zu einem Smiley mit zwei Augen und einem Mund.

Das Tamagotchi in den drei Erscheinungsformen „verpackt“, „Ei“ und „Smiley“. Fotos: liv.biz

Es hatte Hunger, es wollte spielen, es sollte Disziplin lernen, es wurde krank und es musste aufs Klo – und das ständig. Je jünger, desto häufiger. Den Ton kann man glücklicherweise durch das gleichzeitige Drücken der beiden äußeren Knöpfe ausstellen. Ansonsten wäre permanentes Gedudel die Konsequenz. Da der Ton aber fehlte und obendrauf die kindliche Fürsorge, vergaß ich den kleinen Freund häufig. Zwischen Arbeit und Privatleben kann so ein Tamagotchi schon einmal zwei bis drei Stunden keine Aufmerksamkeit finden – und das nimmt es einem ziemlich übel.

Damals, heute, übermorgen

Zunächst überlebte es bei mir lediglich zwei Tage, bis ich beschlossen hatte, dem Wesen ein wenig mehr Liebe zu schenken. Auf dem Schreibtisch liegt es jetzt neben mir, beim Spazieren und Einkaufen ist es in der Hosentasche, meinen Freunden habe ich Karl-Gustav auch bereits vorgestellt. Meine Mission: Das Ding so lange wie möglich am Leben zu halten. Was heute etwas mit Ehrgeiz zu tun hat, war damals Liebe gepaart mit Panik. Denn um ehrlich zu sein, war mir das Tamagotchi schon als Kind irgendwann zu viel. Ich habe es versteckt, weil es einfach immer gepiepst hat und ich nicht wusste, wie man den Ton abstellen kann – das hat mir Angst gemacht.

Heute ist die Vorstellung ganz süß, ein kleines Wesen in einem Plastikei zu versorgen. Aufgrund der technischen Gegebenheiten braucht man dafür aber die kindliche Vorstellungskraft von damals. Und dann braucht man noch ein bisschen Motivation und eben Ehrgeiz, um sich wirklich immer wieder mit dem Tamagotchi zu beschäftigen. Es darf einem nicht peinlich sein, das Retro-Spielzeug mitten auf der Straße rauszuholen und das kleine Wesen an Ort und Stelle zu versorgen.

Wenn man diese Skills alle zusammentrommelt, kann das Tamagotchi auch 25 Jahre später Spaß machen. Allerdings haben wir in der Zwischenzeit schon zu viel digitalen aber auch analogen Fortschritt miterlebt, als dass diese Faszination von Dauer sein könnte. Aber so lange ich kann, werde ich Karl-Gustav am Leben halten! Spoiler: Aus dem Kreis mit Augen und Mund kann offensichtlich eine Gestalt mit Duckface werden, wenn man sich liebevoll um ihn kümmert.

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