Das Universum in der digitalen Nussschale

Wie unser „Nonfood-Wort zum Sonntag“ bereits sagte: Der Mensch lebt heute schwerpunktmäßig im Netz. Und das Internet der Zukunft heißt Metaverse. Was es bedeuten würde, wenn sich der Lebensmittelpunkt ins Netz verlegen würde, hat sich liv.biz-Autorin Julia-Marie Schüßler einmal vorgestellt. Ein Artikel aus der Kategorie „Was wäre wenn …“, frisch recycelt aus dem liv.biz-Archiv.

15.03.2022 Julia-Marie Schüßler 0 Kommentare 4 Likes
Das Universum in einer Nussschale.

Das Universum in einer Nussschale. Foto: SarahRichterArt – pixabay.com

Stephen Hawking sagte vor ein paar Jahren: „Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz könnte entweder das Schlimmste oder das Beste sein, was den Menschen passiert ist.“ Nach Hawking bestünde die Gefahr, dass Künstliche Intelligenz (KI) ihren eigenen Willen entwickle und der ist für uns dann nur noch schwer kontrollierbar. Diese potenzielle Gefahr scheint aber angesichts der aktuellen Vorhaben digitaler Big Player wie Mark Zuckerberg und Bill Gates wie Schnee von gestern. Das Metaversum ist das neue „höher, schneller, weiter“ des Internets, Milliarden fließen in die Entwicklung. Wäre Steven Hawking noch am Leben, würde er uns womöglich auch vor diesem neuen vermeintlichen Durchbruch warnen. 

Was ist das Metaversum? 

Denn das Metaversum oder auch Metaverse soll das bisherige, fragmentierte Internet ersetzen. Auf längere Sicht – für Mark Zuckerberg und Co. natürlich besonders interessant –, soll das Netz komplett durchlässig werden. Unterschiedliche Accounts bei verschiedenen Anbietern sind dann passé, Nutzerdaten können unter den Verantwortlichen problemlos hin- und hergeschoben werden. 

Für die Nutzer entsteht eine Art barrierefreie Parallelwelt im Netz. Mithilfe von Avataren können sie sich zwischen Orten in der nahen und fernen Umgebung bewegen, der Avatar geht zur Arbeit, zum Friseur, trinkt Kaffee mit Freunden und macht die Steuererklärung. Spiele wie Fortnite und Roblox können als erster Entwurf dessen betrachtet werden. 

Willkommen in meinem Metaversum 

Aber was bedeutet das Metaversum für unseren Alltag? Das habe ich mir einmal vorgestellt: 

Es ist Freitag, der 18. März 2033 (zehn Jahre soll die Entwicklung wohl noch mindestens dauern. Also legen wir noch ein Jahr drauf, bis alles reibungslos funktioniert). 

8:00 Uhr: Die Sonne in meinem Schlafzimmer geht auf. Aber nicht wirklich. Mein Iphone XXV projiziert eine täuschend echte Simulation an die Wand. 

8:05 Uhr: Ich habe es immerhin geschafft, das linke Auge zu öffnen. Ich greife nach dem Smartphone. Der Flugmodus existiert schon lange nicht mehr. Denn mein Metaversum existiert dauerhaft. Ich brauche nur mein verknautschtes Gesicht vor den Bildschirm zu halten und ich bin drin. 

8:06 Uhr: Mein Metaversum-Haus ist der Knaller. Insgesamt 15 Räume, ich kann allein zwischen vier Schlaf- und drei Badezimmern wechseln. Heute entscheide ich mich für das Bad mit dem echten Rasen als Fußboden. Ich mache mich fertig und lasse meine Arbeitskollegen wissen, dass ich in 10 Minuten in meinem Workspace bin. 

Reale Welt, 8:08 Uhr: Ich muss auf Toilette, meine Haare stehen in fünf verschiedene Richtungen und der Knoblauch von gestern sitzt immer noch tief in meinen Mundschleimhäuten. In meinem Metaversum bin ich schon lange top gestylt, zu Hause rette ich, was möglich ist – analog. 

8:15 Uhr: Um meinen Workspace zu betreten und so richtig in die Arbeitswelt einzutauchen, setze ich meine VR-Brille auf. Mit meinen Avatar-Kollegen treffe ich mich auf einen schnellen Kaffee in der völlig hippen Lounge. Mein Avatar, der übrigens seit gestern mal die Haarfarbe lila ausprobiert (vor meinem Laptop sitze ich mit meiner blonden Naturhaarpracht), spricht mit meiner Stimme. Meine Augenringe sieht aber zum Glück niemand. Wir verquatschen uns. Der Chef ermahnt uns zur Arbeit. 

Reale Welt, 8:30 Uhr: Ich sitze allein an meinem Schreibtisch und schlürfe den letzten Rest Kaffee aus meiner Tasse. 

10:00 Uhr: Ich habe einen Durchhänger. Ich brauche einen zweiten Kaffee. Auf geht’s in die digitale Kaffeeküche. Hier treffe ich meine Kollegin, wir unterhalten uns kurz über das Wetter. 

10:05 Uhr: Mein Körper schreit immer noch nach Koffein, die Online-Kaffeemaschine läuft. Ich setze die VR-Brille ab und gehe in meine reale Küche. Die Maschine ist kaputt, das rote Lämpchen blinkt ohne Pause. Ich gehe zurück zum Schreibtisch, setze die VR-Brille auf, der Kaffeedurst bleibt. Ich sage meinen Kollegen Bescheid, dass ich kurz eine neue Kaffeemaschine kaufen muss und verlasse den Workspace.  

In meinem Metaversum gibt es auch eine Einkaufsstraße – mit lauter Geschäften, die auf meine Bedürfnisse abgestimmt sind. Hier gibt es auch einen Laden mit Küchengeräten. Da ist sie: Exakt die gleiche Kaffeemaschine, etwas Anderes, Neueres oder gar Besseres möchte ich nicht. Ich bin zufrieden mit dem, was ich hatte. Nicht lieferbar. Wie jetzt? Na gut, dann probiere ich es mit „fast“ derselben direkt daneben. In zwei Stunden soll sie geliefert werden. 

12:05 Uhr: Es klingelt. Mein Avatar muss das digitale Meeting verlassen. Das dauert einen Moment. 

Reale Welt, 12.06 Uhr: Ich renne zur Tür. Ich erwische den Lieferdienst im letzten Moment. 

12:30 Uhr: Mittagspause. Mit meinen Avatar-Kollegen gehe ich essen. Heute gibt es Italienisch. 

Reale Welt, 12.30 Uhr: Ich habe einen Apfel in der Hand. 

13:00 Uhr: Trotz leichter Kost: Nachmittagstief. Kaffee. Erneut geht’s in die digitale Kaffeeküche. Ein Pop-Up warnt mich, dass mein Pensum voll ist. Ein vierter Kaffee wäre ungesund. 

Reale Welt, 13:01 Uhr: Die Kaffeemaschine ist Mist. Sie ist überhaupt nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Schwere Bedienung, Kaffee schmeckt nicht. Ich muss online einen Beratungstermin vereinbaren. Ein Geschäft, in dem man Kaffeemaschinen kaufen kann, gibt es in meiner näheren realen Umgebung nicht mehr. 

15:00 Uhr: Ich brauche frische Luft, ich muss etwas anderes sehen. Ich sage Bescheid, verlasse den Workspace. Setze mich in den digitalen Flieger und reise für eine Verschnaufpause nach Thailand, genauer nach Koh Ngai. Ich höre die Wellen rauschen, sehe, wie sich das Wasser bewegt, aber ich fühle keinen Sand unter meinen Füßen und ich atme auch keine frische Luft. Eine Auszeit fürs Gehirn ist es trotzdem. 

16:00 Uhr: Feierabend. Bevor ich mit meinen Freundinnen abends ein Gläschen Wein trinke, schaue ich noch ein paar Folgen meiner Lieblingsserie. Heute wähle ich mein digitales Heimkino als Entspannungsort.  

Reale Welt, 16:01 Uhr: Ich sitze auf meiner Zweimann-Couch – allein. Aber mein Freund wird mich in meinem digitalen Heimkino besuchen. Vorteil: Popcorn ohne Kalorien. Nachteil: kein Kuscheln, die VR-Brille drückt. 

19:00 Uhr: Treffen mit den Mädels. In unserer liebsten Weinbar im Metaverse. Die Kellner hier haben den einfachsten und bestbezahlten Job der Welt. 

Reale Welt, 19:01 Uhr: Jeder sitzt allein zu Hause. Was wer genau trinkt, weiß keiner. 

Reale Welt, 00:11 Uhr: Mir ist übel. Denn ich habe Wein getrunken. Viel Wein. Ich muss mich übergeben. Aber niemand hält mir die Haare.

 

 

Sie wollen mehr über das Metaversum erfahren? Dann hören Sie die Folge unseres Podcasts „frisch.im.biz“ zum Thema „Metaverse“. Hier sprechen wir darüber, wie Nonfood-Werbung im neuen Internet-Universum möglich ist.

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