Warum Deutschland keine Fachkräfte findet …

Deutschland sucht vergebens nach Fachkräften. Eine Optimierung des Bewerbungsprozesses könnte eine Lösung sein. Denn schlechte Erfahrungen können negative Auswirkungen auf das Unternehmensimage haben. liv.biz hat Ihnen eine persönliche Top 3 der schlimmsten Bewerbungen aus der Welt des Handels, der Wissenschaft und der Maschinenindustrie zusammengestellt – welche ist Ihre Bestenliste?

02.05.2022 Julia-Marie Schüßler 0 Kommentare 5 Likes
Deutschland sucht vergebens nach Fachkräften. Eine Optimierung des Bewerbungsprozesses könnte eine Lösung sein.

Deutschland sucht vergebens nach Fachkräften. Eine Optimierung des Bewerbungsprozesses könnte eine Lösung sein. Foto: Marten Newhall – unsplash.com

51 Prozent der deutschen Unternehmen können aktuell ihre Stellen nicht langfristig besetzen. Am schlimmsten sind Bau und Industrie betroffen, mit jeweils 66 und 51 Prozent der Unternehmen. Aber auch der Handel tut sich schwer: 45 Prozent der Unternehmen haben Schwierigkeiten qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Das sind die Ergebnisse einer DIHK-Befragung von 23.000 Unternehmen in Deutschland.

Ran an die Bewerbungsprozess-Optimierung

Für diese Situation gibt es einen Begriff: Fachkräftemangel. Unternehmen versuchen laut DIHK gegenzusteuern. Wie? 53 Prozent mit Aktivitäten für eine höhere Arbeitgeberattraktivität, 46 Prozent wollen den Fokus auf die eigene Ausbildung legen und 34 Prozent wollen schließlich die Work-Life-Balance optimieren sowie die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland forcieren.

Unter Arbeitgeberattraktivität fallen in der DIHK-Befragung zum Beispiel die Bezahlung, Digitalisierung, flache Hierarchien und mobiles sowie flexibles Arbeiten. Was hier nicht aufgelistet und zumindest auch nicht in der Top-5 der Maßnahmen benannt wird, ist die Optimierung des Bewerbungsprozesses. Innerhalb dessen lernen sich aber Arbeitgeber und potenzieller Arbeitnehmer bestenfalls kennen, optimal läuft dieser Prozess in vielen Deutschen Unternehmen keinesfalls.

Die Top 3 der schlimmsten Bewerbungen

Hier kann ich ein bisschen aus dem Bewerbungs-Nähkästchen plaudern. Denn seit dem Studium habe ich so einige Bewerbungsverfahren durchlebt, Content macht schließlich mittlerweile fast jedes Unternehmen in jeglicher Branche. Am aufwendigsten war sicherlich ein Assessment-Center, in dem ich drei Tage lang auf Herz und Nieren geprüft wurde. Dies habe ich als sehr stressig in Erinnerung, in die Top 3 meiner schlimmsten Bewerbungserfahrungen, hat es das aber nicht geschafft.

Platz 3

Auf den dritten Platz setze ich vielmehr den Bewerbungsablauf eines großen Retailers. Selbstverständlich nenne ich hier keine Namen. Super fand ich zunächst die digitale Vorstellung per Video, in der man drei Fragen mit Hilfe einer App beantworten musste. Anhand dessen wollte das Unternehmen insbesondere meine Persönlichkeit besser einschätzen – wohl bemerkt, dass das gesamte Video etwa anderthalb Minuten lang war.

Den obligatorischen Persönlichkeitstest hatte ich offenbar bestanden und durfte schließlich ins persönliche Online-Vorstellungsgespräch. Hier wurde ich von insgesamt drei Personen mit Fragen gelöchert. Fair enough: Ich durfte natürlich auch Fragen stellen. Es lief eigentlich alles super, die Vibes waren angenehm – sofern man das durch die Kamera spüren konnte. Wie in jedem Gespräch landet man aber irgendwann bei der Gehaltsvorstellung. Ganz ehrlich: Meine war nicht utopisch und sogar an der unteren Vorstellungsgrenze angelegt. Man merkte sofort: Hier gibt es ein Problem. Das Gehalt kann so nicht gezahlt werden. Ich beteuerte aber, dass ich hier mit mir reden ließe.

Die Gründe, warum ich Tage später eine Absage erhielt kann ich nicht benennen. Es hieß, dass ich in vielen Punkten überzeugt hätte, aber ein Bewerber ein bisschen besser war. War es die Gehaltsvorstellung?

Platz 2

Auf Platz 2 befindet sich in meinem persönlichen Ranking eine private Hochschule, bei der ich mich direkt nach Abschluss meines Studiums als wissenschaftliche Mitarbeiterin bewarb. Der Bewerbungsprozess ist mir als unglaublich lang in Erinnerung geblieben. Zunächst einmal hatte ich ein Telefoninterview. Dann musste ich zum persönlichen Vorstellungsgespräch und schließlich stand noch das Probearbeiten auf dem Bewerbungsplan. Unter Beobachtung und Zeitvorgabe sollte ich also wissenschaftliche Arbeiten erledigen, die mir in Zukunft bevorstehen könnten. Die Einarbeitung, die in manchen Unternehmen mehrere Monate beträgt, war somit sehr knapp beziehungsweise eigentlich gar nicht vorhanden. Der berühmte Wurf ins kalte Wasser, der in einem Bewerbungsprozess unter unnötigem Zeitdruck vielleicht ein bisschen over the top ist. Denn so sehen die realen Arbeitsbedingungen einfach nicht aus.

Ich erhielt eine Absage, nachdem ich Tage darauf verwendet hatte mich auf die einzelnen Stufen der Bewerbung vorzubereiten. Die Enttäuschung war, wie man sich unschwer vorstellen kann, sehr groß.

Platz 1

Den ersten Platz belegt ein Familienunternehmen, das Reinigungsmaschinen für industrielle Zwecke herstellt. Stichwort Familienunternehmen: Meine Vorstellungen und Erfahrungen hierzu waren bis zu diesem Zeitpunkt super. Freundlich, bodenständig, realistisch. Dies wurde alles in dem Bewerbungsprozess für dieses besagte Unternehmen über Bord geworfen.

Wie alle Bewerbungen startete auch diese mit dem Zusammenstellen und Versenden der Bewerbungsunterlagen. Meine enthalten zum Beispiel ein individuelles Anschreiben, in das ich sehr viel Mühe und Zeit investiere, Zeugnisse und Arbeitsproben. Danach wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch per Videocall eingeladen. So weit so gut, wir sprachen länger als eingeplant – eigentlich ein gutes Zeichen.

Am Ende wurde ich aber darum gebeten, noch spezielle Arbeitsproben für diese Firma anzufertigen – bei dem benannten Retailer musste ich das übrigens auch und sie schließlich im Gespräch vorstellen. Natürlich habe ich dies in beiden Fällen getan. Das bedeutet: Im Vorfeld hat man für das Bewerbungsgespräch eigentlich schon das halbe Unternehmen studiert.

Die Arbeitsproben wurden gelobt, ich war zufrieden. Allerdings war das immer noch nicht genug. Ich musste noch zum persönlichen Vorstellungsgespräch. Auf ein ausgeklügeltes Hygienekonzept wurde hier trotz Produktionsschwerpunkt nicht sehr viel Wert gelegt, das Bewerbungsgespräch war unstrukturiert und ich wusste nicht, wo es hinführen soll. Auch hier gab es dann wieder ein Problem beim Gehalt. Und ich möchte noch einmal betonen, dass es sich um eine sehr realistische Vorstellung handelt.

Die Gesprächsführer haben das Thema Gehalt selbst komplett ausgeklammert, erst auf Nachfrage habe ich folgende Info erhalten: Das Gehalt wäre sportlich für dieses Unternehmen, aber nicht unrealistisch – sonst wäre ich gar nicht erst eingeladen worden. Ich würde in meiner Probezeit weniger als meine Vorstellung erhalten und dann später eventuell mehr. Wie bitte? Ich wusste gar nicht, dass eine Probezeit für das Austesten des Gehalts zuständig ist. Ich dachte immer, hier sollten Arbeitnehmer und Arbeitgeber beidseitig schauen, ob man längerfristig zusammenarbeiten kann. Man wollte sich in der kommenden Woche bei mir melden ­– Ich habe über zwei Wochen nichts gehört.

Die guten Seiten

Ich war geschockt – in allen drei Fällen, aber insbesondere vom gesamten Ablauf im dritten Fall. Würde ich diese Unternehmen weiterempfehlen? Niemals, geschweige denn würde ich jemals selbst dort eine Beschäftigung beginnen. Der Bewerber musste hier extrem viel Zeit und Mühe aufbringen, für eine äußerst geringe Wertschätzung.

Aber natürlich gibt es auch positive Beispiele. Über meinen Nebenjob bei dm habe ich ja bereits berichtet. Hier fragte ich einfach in der Filiale nach, ob noch Arbeitskräfte gesucht werden. Mein Glück: Das wurden sie, ausgeschrieben war der Job aber noch nicht. Nach Einreichen der Bewerbungsunterlagen und einer kurzen Probearbeit, war ich dabei. Unterschiede gibt es hier natürlich zwischen Haupt- und Nebenberuf. Top lief das Verfahren auch in einem Start-up: Offenheit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit punkteten hier bei mir sehr.

Bewerbungsprozesse sind immer stressig – für beide Seiten, das ist klar. Es ist verständlich, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter ganz genau kennenlernen müssen. Aber der Aufwand steht mitunter in keinem Verhältnis. Ein lockeres Kennenlernen bei einem leckeren Kaffee würde vielleicht manchmal mehr bringen. Denn wenn ein Mensch sich wohl fühlt, zeigt er eher, wie er wirklich ist. Und selbst wenn es schief läuft, hätten jedenfalls alle einen guten Kaffee getrunken.

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