Wieso sind manche Nonfood-Produkte tabu?

Warum schämen wir uns beim Kauf von bestimmten Artikeln? Und wie werden solche "Tabu-Nonfood-Produkte" für uns wieder ganz normal? Diesen Fragen geht liv.biz-Autorin Julia-Marie Schüßler dieses Mal in "Geschichten aus dem Einzelhandel" nach.

Eine Meinung von Julia-Marie Schüßler

02.07.2022 0 Kommentare 1 Likes
Nonfood, tabu, geheim, kaufen

Einige Nonfood-Produkte werden lieber still und heimlich gekauft, weil man ungern über das redet, wofür sie gebraucht werden. Foto: TayebMEZAHDIA – pixabay.com

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, als ich das erste Mal alleine Menstruationsartikel kaufen musste. Es war mir unfassbar unangenehm, o.b.’s und Binden durch die halbe Drogerie zu tragen und sie dann auf das Kassenband zu legen. Das Kassenband. Der rote Teppich für Produkte, alle Kundenblicke sind auf sie gerichtet. Die Stunde der Wahrheit kommt dann bei der Kassiererin oder dem Kassierer. Meistens habe ich mich immer an der Kasse angestellt, an der eine Frau arbeitete. Sonst hätte ich mich noch mehr geschämt.

Diese Scham reicht bis ins Erwachsenenalter. Ich verstecke die Artikel immer noch im Einkaufskorb, kaufe sogar manchmal extra Produkte, um sie dann oben drauf zu legen. Ab und an ertappe ich mich selbst dabei und frage mich: Was soll das eigentlich? Wie kommt es, dass ich mich überhaupt dafür schäme und wie kommt es, dass ich diese Scham selbst mit 32 Jahren nicht ablegen kann?

Die Tücken beim Kauf von Tabu-Nonfood-Produkten

Diese Scham empfinde ich übrigens auch bei anderen „Tabu-Nonfood-Produkten“. Herpescreme ist ein solches. Wer unter Herpes leidet, weiß, es braucht entsprechende Salben, um vor allem den Schmerz, den die unschönen Lippenbläschen hervorrufen, zu lindern. Ich nenne der netten Apothekerin meines Vertrauens nur noch den Namen des Produktes, in der Hoffnung, dass andere Kunden nicht verstehen, was ich da gerade kaufe.

Ganz heikel wird es bei allen Produkten rund um die Darmgesundheit. Hier gehe ich nicht genauer ins Detail, der Grund: Scham. Es gibt gewisse Salben oder Präparate, die helfen, dass im unteren Bereich alles funktioniert. Ich erleide Schweißausbrüche, bevor ich die Apotheke betrete. Exakt genauso verhält es sich auch mit Produkten, die die Flora im Intimbereich wieder ins Gleichgewicht bringen – Frauen kennen die Diva namens PH-Wert.

Und zu guter Letzt überkommt mich dieses hässliche Gefühl auch beim Unterwäsche-Kauf. Eigentlich kann ich nur vernünftig Unterwäsche kaufen, wenn niemand in meinem direkten Umfeld ist. Der Mensch ist neugierig, ich kenne es von mir selbst. Ist ja auch spannend zu sehen, was der Rest der Welt unter Jeans und T-Shirt trägt. Aber bei mir könnte man doch bitte wegschauen. Hatte ich Glück und konnte unbemerkt ein Stück ergattern, bleibt der Weg zur Kasse und der anschließende Kassiervorgang. Da liegt der BH (wenn ich überhaupt mal einen gefunden habe, aber das ist ein anderes Thema) nackt und allen Blicken ausgesetzt auf dem Tresen. Langsam streift die Kassiererin die Träger vom Bügel, das Schild friemelt sie in Zeitlupe hervor. Jetzt weiß sie bestimmt, was für eine Größe ich trage? Und sie fragt sich sicherlich, ob ich da mal nicht ins Klo gegriffen habe und eigentlich eine ganz andere Größe benötige? Im Zweifel denkt sich die Kassiererin nichts, das Gehirn macht nur, was es will.

Wie Tabu-Nonfood-Produkte normal werden können …

Die eigentliche Frage, die ich mir nun aber stelle: Wie gehen wir mit dem Kauf von Tabu-Nonfood-Produkten um? Wieso sind sie eigentlich tabu? Wieso bringen wir Mädchen von kleinauf bei, dass die Periode etwas ist, wofür sie sich schämen müssen? Wieso schämen wir uns für kleine Bläschen am Mund? Und warum reden wir nicht einfach alle offen über unsere Verdauung, weil einfach jeder mal groß auf die Toilette muss? Der Punkt bei all diesen Dingen ist: Wir kennen es alle, wir haben es zum Teil und wir machen es regelmäßig. Normal ist es scheinbar aber trotzdem nicht.

Ich für meinen Teil habe angefangen darüber zu reden. Zunächst einmal bei engen Freunden. Ich sage jetzt, wenn ich Unterleibschmerzen habe. Ich sage jetzt, wenn ich Verdauungsprobleme habe und meinen Herpes sieht man sowieso, ihn zu verstecken tut nur weh – deswegen lasse ich es. Je häufiger ich darüber rede, desto normaler wird es. Manche Menschen wollen es mit Sicherheit nicht hören, weil es ja eklig ist. Aber auch ihnen tue ich etwas Gutes: Denn je häufiger sie es von mir hören, desto normaler wird es vielleicht auch für sie. Und vielleicht rede ich irgendwann auch mit fremden Menschen in der Apotheke darüber. Weil es eben tatsächlich ganz normal ist.

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