Zu alt für einen neuen Job

Auf das berühmte Abstellgleis stellen sich über 50-Jährige in Sachen Berufsleben oftmals von ganz allein. Sie glauben einen Jobwechsel nicht mehr wagen zu können, weil sie angeblich kein Unternehmen mehr haben will. Aber warum glauben Menschen, die ihr Leben lang gute Arbeit geleistet haben, dass die Gesellschaft für sie keine große Verwendung mehr hat? Das erfahren Sie bei liv.biz.

Eine Meinung von Julia-Marie Schüßler

28.04.2022 0 Kommentare 8 Likes
Change als Leuchtschild.

„Change“ als Leuchtschild. Foto: Ross Findon – unsplash.com

„Mich nimmt doch keiner mehr“, ein Satz, den ich in meinem Umfeld in den vergangenen Jahren immer wieder gehört habe. Ihn sagen meistens Personen über 50 – Menschen, die den Großteil ihres Arbeitslebens bereits erfolgreich absolviert haben. Da höre ich von einer Anfang 50-jährigen Kassiererin, die seit über 30 Jahren an der gleichen Kasse tätig ist: „Ich bin zu alt, um jetzt noch etwas anderes zu machen.“ Seit der Übernahme des Unternehmens durch ein anderes sind die Arbeitsbedingungen deutlich schlechter geworden. Sich woanders zu bewerben kommt für sie aus Angst vor Ablehnung aber nicht in Frage.

Ein 58-Jähriger gelernter Nachrichten-Ingenieur, der außerdem Installateur war, die Selbstständigkeit wagte, jetzt in der Gebäudetechnik tätig ist und sich nun auch in diesem Alter getraut hat, sich woanders zu bewerben, sagt: „Ich kann froh sein, wenn sie mich in meinem Alter noch nehmen.“ Das sind nur zwei Beispiele, ich könnte noch viele mehr erzählen. Mut machen, bringt selten etwas, diese Meinung scheint zu tief verankert.

Das sagt die Wissenschaft

Statista-Erhebungen untermauern diesen persönlichen Eindruck. So gaben 62 Prozent der Ende 2021 befragten 55- bis 64-jährigen an, dass derzeit keine Jobsuche geplant ist. Nur 9,9 Prozent dieser Altersgruppe waren auf aktiver Jobsuche. Bei den 45- bis 54-Jährigen hatten rund 45 Prozent keine Jobsuche geplant, rund 15 Prozent befanden sich auf aktiver Suche nach einem neuen Job. Im Vergleich hierzu befanden sich beispielsweise 31,6 Prozent der 35- bis 44-Jährigen auf aktiver Jobsuche und 24,5 Prozent der 25- bis 34-Jährigen. Insgesamt befragt wurden 4000 Personen. Weiterhin ist Deutschland auf Platz 3 der EU-Länder, in denen Menschen am längsten den gleichen Job ausüben. Durchschnittlich 10,2 Jahre bleiben Deutsche einem Job treu. Vor Deutschland sind nur noch Frankreich und Italien mit jeweils 10,8 und 12,2 Jahren durchschnittlich. Auch das ergab eine Statista-Erhebung von 2019.

Aber warum ist das so? Warum glauben Menschen, die ihr Leben lang fleißig waren und teilweise alles für ihren Job getan haben, dass sie ab einem bestimmten Alter aufs Abstellgleis gehören? Ist es das, was unsere Gesellschaft diesen Arbeitskräften vermitteln möchte? Ohne Zweifel: Junge Arbeitskräfte braucht das Land. Sie bringen frischen Wind, neue Kenntnisse und eine große Motivation in die Unternehmen. Oftmals werden sie hier wiederum aber viel zu selten ernst genommen – was manchmal an genau den Menschen liegt, die seit Ewigkeiten in dem selben Unternehmen sind. Aber natürlich ist das nicht immer so. Es gibt auch viele Unternehmen, die gezielt auf Junge bauen, sie fördern und pushen.

Aber eigentlich benötigen genau diese jungen, frischen Arbeitskräfte die erfahrenen, um von ihnen zu lernen. Denn diese bringen teilweise über Jahrzehnte gesammelte Kenntnisse mit, sind ruhiger, besonnener und sicherer in der Ausführung ihrer Arbeit. Ältere Arbeitskräfte gehören keinesfalls auf das Abstellgleis. Selbst wer sich noch einmal umorientieren möchte, sollte die Chance dazu bekommen. Denn diesen Wissenshunger und den Drang nach Veränderung sollten wir über alle Generationen hinweg fördern, wachsen wir doch schließlich daran.

Was können Unternehmen tun?

In der Vergangenheit habe ich nur selten erlebt, dass dieses Zusammenspiel von Alt und Jung funktioniert. Das liegt aber meiner Meinung nach genau an diesem Gedanken der benannten Generation ab 50. Sie haben dadurch Angst ihre jetzige Position zu verlieren. Sie haben Angst durch die Jungen ersetzt zu werden. Aber diesen soll von einer jüngeren Arbeitskraft gesagt sein: Das haben wir nicht vor. Wir wollen lernen, wir wissen, um eure Erfahrungen und schätzen sie. In manchen oder sogar vielen Bereichen seid ihr besser als wir. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir irgendwann das leisten können, was ihr tagtäglich tut. Aber: Auch von uns könnt ihr etwas lernen, da bin ich mir sicher.

Und an den Unternehmen liegt es, diesen eben älteren Arbeitskräften diese Angst zu nehmen. Mit 50 hat man teilweise noch 17 Jahre Berufsleben vor sich. Wieso sollte man also nicht jemanden in diesem Alter neu einstellen? Jemanden der weiß, wie der Hase läuft? Vor allem vor dem Hintergrund, dass wir Deutschen im Schnitt sowieso nach spätestens zehn Jahren etwas anderes suchen.

Gleichzeitig sollte aber auch die Zusammenarbeit von Jung und Alt gefördert werden. Sodass niemand mehr Angst haben braucht. Wie? Mit einer offenen Unternehmenskultur, viel Kommunikation und Wertschätzung. Denn schon die berühmte Physikerin und Chemikerin Marie Curie wusste: „Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.“

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